Segnen bedeutet gut reden

Ansichtskarte vom Erzbistum Berlin

Ansichtskarte vom Erzbistum Berlin

Papst Franziskus hat das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Das Erzbistum Berlin hat eine  Serie von Postkarten zum Jahr der Barmherzigkeit herausgegeben. Eine davon hat mich im therapeutischen Zusammenhang besonders angesprochen. „Ich rede gut über dich.“ Gut über jemanden reden bedeutet ihn segnen, so die Wortbedeutung sowohl auf griechisch wie auf lateinisch. (Benediktion: bene = gut, das Verb dicere = sprechen, Eulogia: Eu = gut, das Verb logein = sprechen). Es tut so gut, wenn jemand gut über uns spricht, oder? Oder dürfen wir das gar nicht annehmen, ist es peinlich, wenn uns jemand ein Kompliment macht? Oder so ungewohnt, dass wir nicht wissen, wie wir darauf reagieren sollten? Und was, wenn es erst gut in uns spräche? Wenn unsere innere Stimme diesen Satz zu uns spricht: „Ich rede gut über dich.“ Denn wer kennt nicht all die Stimmen in uns, die uns immer wieder kritisieren. Die Psychologie nennt das den inneren Kritiker, die Bibel den inneren Ankläger  in Offb. 12,10: „Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Herrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte.“

Vielleicht dürfen wir die Stimme des Himmels, den Segen, mit diesem Satz in unser eigenes Leben rufen – zumindest eine Zeit lang zum Durchatmen – für uns und andere. Mal am inneren Kritiker fasten, oder dem inneren Nörgler. Ja, wir Menschen tragen Schuld in uns und nicht alles war optimal, was wir in unserem Leben gemacht haben – unbestritten. Aber einiges davon, was sich da in uns gebetsmühlenartig wiederholt, das haben wir nicht selbst produziert.  Der Schriftsteller Pascal Mercier beschreibt diesen Prozess eindringlich: „Die Umrisse elterlichen Wollens und Fürchtens schreiben sich mit glühendem Griffel in die Seelen der Kleinen, die voller Ohnmacht sind und voller Unwissen darüber, was mit ihnen geschieht. Wir brauchen ein Leben lang, um den eingebrannten Text zu finden und zu entziffern, und wir können nie sicher sein, dass wir ihn verstanden haben.“ [1] Und es sind nicht nur Eltern, die dies bewirken, sondern Autoritätspersonen jeglicher Art wie auch Gleichrangige wie Geschwister und Freunde oder einfach: irgendwer. Das passiert – so ist Leben auch (und sollte uns nicht gleich wieder in einen bunten Vorwurfsreigen hineinwerfen). Die gute Nachricht ist: wir dürfen da auch wieder raus.  20160215_093631Die Dringlichkeit, den inneren Kritiker zum Schwei­gen zu bringen, sieht Richard Rohr, franziskanischer Exerzitienleiter, auch oft als Ursache von Süchten. Wenn wir also in der Fastenzeit eine Abhängigkeit aufgeben wollen, dann kann eine Zeit des uns selbst und andere Gutsprechens hilfreich sein, singen wir (uns und anderen) ein neues Lied. Segnen wir, andere und uns selbst. Segnen wir unsere Kinder, unseren Partner, unsere Kollegen und uns. Ja, warum nicht öfter mal ein „Schön, dass es Dich gibt!“ oder „Ich denke an Dich, mein Herz.“ oder „Danke, Du bist ein Segen“ oder „Du bist wirklich ein großartiger Mensch.“ oder „Ich freu mich so über Dich“ oder „Du bist so schön.“ oder sogar „Du bist echt ein Wunderwerk Gottes!“ Segnen wir vor allem auch dann, wenn sich jemand entschuldigt oder etwas wieder gutmacht.


Stattdessen segnet; denn ihr seid dazu berufen, Segen zu erlangen. (1. Petrus 3,9b)


Wenn wir dann eine Weile durchgeatmet haben, na, dann kommt vielleicht auch wieder eine Zeit, in der wir genug Kraft und Nerv haben, uns mit dem Suboptimalen zu beschäftigen und es immer weiter aus der Welt zu bringen – z.B. durch Vergebung und Vergebung ersuchen. Aber fürs Erste von mir: „Lieber Leser, wunderbar, dass Du hier hergefunden hast! Schön, dass es Dich gibt! Gott segne Dich, Gott segne Dein Leben. Schaue mit liebenden Augen auf Dich.“

[1] Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon